Leser diskutieren über Armut und geben Einblicke in den Alltag mit Hartz IV

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)angestoßene Debatte über Armut und die Höhe von Sozialleistungen hat unter OZ-Lesern eine rege Debatte in Gang gesetzt. Der Widerspruch, den Spahn mit seinen Äußerungen ausgelöst hat, ist groß. „Hartz IV bedeutet nicht Armut“, sagte der CDU-Politiker, kurz bevor er seinen Ministerposten übernommen hatte und fügte hinzu: Diese staatliche Grundsicherung garantiere jedem „das, was er zum Leben braucht“. Doch wie lebt es sich mit 416 Euro? Betroffene berichten von ihrem Alltag auf Facebook.

Birgit Moser schreibt: „Es ist richtig, dass diese 416 Euro viel Geld sind, aber die meisten haben sich diese Arbeitslosigkeit nicht gewünscht.“ Von dem Geld müssten die Empfänger von Hartz IV genauso ihre Fahrkarte, ihren Strom, die Medikamente und vieles andere zahlen wie Normalverdiener, so die Leserin. „Es bleibt nicht viel übrig, und die meisten müssen sich jeden Monat zudem noch auf dem Amt nackig machen. Man kann da schneller reinrutschen, als man denkt.“

Heike Schmitt gewährt indes einen Einblick in ihr Leben. „Ich muss aus gesundheitlichen Gründen von Harz IV leben. Nach allen Abzügen habe ich 200 Euro zum Leben im Monat. Ich habe keinerlei Versicherungen, keinen Fernsehanschluss, kein Festnetztelefon und so weiter.“ Sie sagt, dass sie von den 200 Euro alles bestreiten müsse. Und dass sie nirgendwo Ermäßigungen oder günstigen Eintritt bekomme. „Ohne die Tafel würde ich es nicht schaffen.“

Zissi Zachow erwidert: 416 Euro fürs Nichtstun sei sehr viel Geld. „Ich arbeite zwölf Stunden die Woche und komme dafür auf keine 400 Euro im Monat. Darüber hinaus muss ich noch 60 Kilometer zur Arbeit fahren. Ich habe zehn Jahre in den USA gelebt und kann euch sagen, da bekommen die Erwerbslosen null Cent fürs Nichtstun.“

Sabine Severin findet: „Hartz IV sollte doch jeder auch nur für eine Hilfe in einer extremen Situation ansehen, bis man wieder einen Job hat. Und davon gibt’s in Deutschland genug. Und vorübergehend wird da viel getan. Man sollte zudem nicht die Miete außer Acht lassen, die die Leute mit Arbeit bezahlen müssen.“

Antje Marsch findet „das Schubladendenken am schlimmsten“. Nach wie vor seien nicht nur viele alleinerziehende Mütter auf Hartz IV angewiesen, sondern auch Saisonarbeiter. Und in manchen Berufen reiche der Mindestlohn trotzdem nicht für die ganze Familie. „Und wer denkt an die vielen Aufstocker, die nach Feierabend ihre Anträge ausfüllen, Wohngeld und Teilhabe beantragen und am Wochenende die Bude malern, weil kein Geld mehr für einen Handwerker drin ist?“

Steffen Giertz fragt: „Ist die Aussage von Jens Spahn objektiv nicht richtig? Würden Hartz IV-Empfänger denn hungern, wenn es die Tafeln nicht gäbe?“ Birgit Schuckmann sagt: „416 Euro sind nicht viel. Aber ich würde es sicher nicht für Cola, Cornflakes, Eistee oder Dosengemüse ausgeben. Man kann in Deutschland für wenig Geld gesund essen.“

Ida Pömpel betont: „Wenn man mehr will, muss man mehr tun. Hartz IV ist nicht dazu gedacht, sich damit sein Leben einzurichten.“ Anja Möller gibt zu bedenken, „dass manche Menschen, die arbeiten gehen, nach Abzug aller Kosten noch weniger zur Verfügung haben.“


„Ohne das Angebot der Tafel würde ich es nicht schaffen“