An den Griebensöllen 5, 18069 Rostock
+49 381 80898180
info@rostocker-tafel.de

Tafeln in MV geraten in Not

Essen, wo es hingehört...

Created with Sketch.

Tafeln in MV geraten in Not

Monchi packt für Obdachlose mit an OZ-Ove Arscholl-12-2021

Vereine können hohe Sprit- und Strompreise nicht mehr bezahlen

Rostock. Lebensmittel-Retter in Not: Die 28 Tafeln im Nordosten stecken in einer tiefen Krisen. Auf der einen Seite ist das Spendenaufkommen in Folge der Corona-Pandemie um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Andererseits sorgen explodierende Energiepreise für massiv steigende Ausgaben. Viele Tafeln in MV, die insgesamt 24 000 Menschen im Nordosten mit Essen versorgen, wissen nicht, wie sie dieses Jahr ihre Rechnungen bezahlen sollen.

„Ohne Spenden sind wir tot“, sagt Beate Kopka, Leiterin der Rostocker Tafel. 30 000 Euro gab die größte Tafel des Landes in früheren Jahren für Benzin und Diesel aus, damit die fünf Fahrzeuge bei Supermärkten aussortierte Lebensmittel abholen können. Dieses Jahr wird die Sprit-Rechnung etliche Tausend Euro höher ausfallen als bisher. Das gleiche gilt für Strom für die Kühltechnik. 14 000 Euro
waren bislang jährlich dafür fällig. Es droht eine große Finanzlücke bei den Hilfsorganisationen.

Der Tafel-Landesverband fordert seine Mitglieder auf, bei den jeweiligen Kreisen und Städten höhere Zuschüsse zu beantragen. Diese Mittel sind die wichtigste Finanzquelle für die Tafeln, erklärt die Vorsitzende Kerstin Dauer. „In MV gibt es keine Zuschüsse vom Land“, kritisiert sie. In Bundesländern wie Hessen und Baden-Württemberg gebe es diese Unterstützung. „Bei den Tafeln auf dem Land sind die Probleme noch größer als in der Stadt“, erklärt Dauer zur Lage in MV. Die Wege zu den Ausgabestellen und Supermärkten seien länger. Wenn bei der Tafel in Bad Sülze (Landkreis Vorpommern-Rügen) die gesammelten Lebensmittel nicht reichen, fahren die ehrenamtlichen Mitarbeiter 200 Kilometer zur Partner-Tafel nach Neumünster (Schleswig-Holstein) oder zum Tafel-Zentrallager nach Neubrandenburg.

Dauer, die früher einen eigenen Friseursalon hatte, sorgt als Geschäftsführerin der Tafel in Bad Sülze jede Woche dafür, das 700 Menschen mit wenig Einkommen kostenlose Lebensmittel bekommen. Sie selbst erhält dafür ein Gehalt auf Mindestlohn-Niveau für den Vollzeit-Job. „Ich sitze abends mit dem Laptop auf dem Sofa und suche nach Fördertöpfen, die ich noch anzapfen könnte“, sagt Kerstin Dauer. Manchen Tafelchefs falle es schwer, sich im Fördermittel-Dschungel zurecht zu finden.

Monchi packt für Obdachlose mit an OZ-Ove Arscholl-12-2021
FOTOS: Ove Arscholl

Steigende Lebensmittelpreise: Rostocker Tafel ist gefragter denn je

Schutow. Mittwochvormittag bei der Rostocker Tafel. Martina Mutzek ist heute für Weintrauben, Orangen und Mandarinen zuständig. Einmal in der Woche kommt die Rentnerin in die Sortierstelle in einem Gewerbegebiet in Schutow. Mit flinken Handgriffen fischt sie das nicht “ mehr verwendbare Obst aus der von Supermärkten gespendeten Ware. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen stehen in der Halle vor Boxen voller Lebensmittel. Die Atmosphäre wirkt konzentriert und zugleich entspannt. „Die Arbeit macht Spaß. Nur zu Hause sitzen, wäre mir zu langweilig“, sagt Martina Mutzek. Sie ist gelernte Dreherin, später arbeitete sie als Hallenwartin bei der Stadt. Vor zehn Jahren ging sie in Rente.

Die Tafel lernte sie durch ihren Mann kennen, der hier als Fahrer arbeitet. Seit einigen Wochen hilft die 71-Jährige ebenfalls mit. Schwere Kisten schleppen, fegen, Böden wischen, das alles mache ihr nichts aus. „Man kommt unter Leute“, sagt die Rentnerin fröhlich und wirft die nächste angematschte Orange in die Box unter ihrem Tisch. Insgesamt 150 Helfer arbeiten in der Sortierstelle mit, erklärt Tafel-Leiterin Beate Kopka. Etwa ein Drittel davon bekommen Leistungen vom Jobcenter, und stocken so ihr Einkommen als Ein-Euro-Jobber auf. Die anderen arbeiten ehrenamtlich, so wie Martina Mutzek. 1200 Abholer kommen regelmäßig zu einer der 13 Ausgabestellen, die gespendeten Lebensmittel erreichen insgesamt 2400 Menschen, erklärt Kopka.

Um mehr Personen zu erreichen, wurden die Regeln geändert. Früher durften sich nur Warnowpass-Inhaber anstellen. Weil durch Renten- und Wohngelderhöhungen viele Rostocker diesen Ermäßigungsausweis nicht mehr bekommen, genügt jetzt der Nachweis über irgendeine Sozialleistung, um Zugang zur Tafel zu erhalten. „Drei Euro Wohngeld im Monat reichen aus“, sagt die Leiterin.

Der Bedarf nach kostenlosen Lebensmitteln nehme zu. Die steigenden Preise für Lebensmittel, Strom und Heizung seien eine große Belastung für alle, die mit wenig Geld über die Runden kommen müssen. Das gilt auch für die Tafel selbst, die momentan nicht weiß, wie sie die Mehrausgaben für Sprit und Strom bezahlen soll.

Quelle: Ostseezeitung, Donnerstag, 17. Februar 2022 von Gerald Kleine Wördemann

https///xpaper.ostsee-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/933657