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„Ohne die Tafel würden die Kinder hungern“

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„Ohne die Tafel würden die Kinder hungern“

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Stadtmitte | Vorm Eingang der Evangelisch-methodistischen Kirche Rostock, einer der 18 Ausgabestellen der Rostocker Tafel stehen an diesem Donnerstagnachmittag knapp 30 Menschen in der Schlange und von Minute zu Minute werden es mehr. Die Energiekrise, der Ukraine-Krieg und die Inflation haben in den vergangenen Monaten für einen Ansturm gesorgt, dem die gemeinnützige Organisation nicht mehr gerecht werden kann. Über 5000 Menschen in Rostock beziehen aktuell Lebensmittelspenden der Tafel. Anna (37) und Erika (44), die ihre richtige Namen nicht nennen möchten, sind zwei von ihnen.

„Zu Hause nennen wir das hier ‚einkaufen‘“, erzählt Anna, die Mutter von drei Kindern ist. „Meine Kinder wissen nicht, dass es etwas anderes ist.“ Die beiden Frauen kommen immer donnerstags zwischen 15 und 15.30 Uhr zur Lebensmittelausgabe in Stadtmitte. Erika hat lange ehrenamtlich gearbeitet und eine Pauschale bekommen. Irgendwann war das Geld nicht mehr genug und seit zwei Jahren kommt sie nun hierher. Anna ist aus gesundheitlichen Gründen bei der Tafel gelandet. Sie hat einen Schwerbehindertenausweis und besitzt den Warnow-Pass. Seit inzwischen sechs Jahren bezieht sie wöchentlich Lebensmittel. Für die beiden alleinerziehenden Mütter ist die Unterstützung durch die Tafel wichtig. „Das Geld, das es über das Hartz IV gibt, hat früher mal genügt. Inzwischen reicht das aber hinten und vorne nicht mehr“, erzählt Anna.

Weil die Lage der Tafel so schwierig ist, soll die OZ-Weihnachtsaktion in Rostock in diesem Jahr dem Verein zugutekommen. Bis Heiligabend sammelt die Redaktion Spenden, damit die Lebensmittelausgabe an Bedürftige auch im nächsten Jahr noch existieren kann.

Silvie Gau arbeitet seit 18 Jahren ehrenamtlich bei der Tafel. Durch eine Annonce in der Zeitung wurde sie auf die Arbeit aufmerksam. Seitdem sie Rentnerin ist, hilft sie und kennt inzwischen viele Gesichter, auch die von Anna und Erika. „Nach so vielen Jahren ist unser Verhältnis schon fast freundschaftlich“, erzählt die 65-Jährige. „Jeder der hier reinkommt, bekommt etwas. Die Lebensmittelspenden sind weniger geworden, aber die Beutel bleiben nicht leer.“

Die steigenden Energiepreise und die Inflation treffen die beiden Frauen hart und stellen sie vor neue Herausforderungen. „Du kannst nicht mehr machen, als Lampen auszumachen. Der Kühlschrank muss laufen und der Herd muss ab und zu an sein“, erzählt Erika. Beide haben Angst vor der Stromrechnung und den weiter steigenden Preisen. Wie viele andere, die die Tafel aufsuchen, sieht man den Frauen die Bedürftigkeit nicht an. „Wir leben in einem ziemlich reichen Land. Eigentlich kann in Deutschland keiner so richtig arm sein“, meint Anna. Trotzdem muss sie jeden Monat kalkulieren: Was ist möglich, was nicht? Wie vermeide ich es, einkaufen zu gehen? Nach Abzug der Festkosten bleibt ihrer kleinen Familie nicht viel über. Die Tasche gefüllt mit Kohl, Salat, Radieschen, Äpfeln, Brot oder Joghurts nimmt ihr viele Sorgen ab. Wenn auch nicht alle. Denn trotz Essensspenden müssen Lebensmittel zugekauft werden, die die Tafel nicht oder nur ab und zu anbietet. Butter, Mehl, Zucker und Konserven sind eher selten dabei. Einkaufen sei nicht mehr zu bezahlen, sagt Anna. „Letztens habe ich im Supermarkt eine Milch bekommen, die 50 Prozent reduziert war. 80 Cent für eine frische Milch – da habe ich mich richtig gefreut.“

Für das Angebot der Tafel und die Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter sind die beiden Frauen dankbar. Sie wüsste nicht, was sie ohne die Lebensmittel machen würde, erzählt Erika. „Wir beschäftigen uns viel damit, wie wir die Dinge, die wir bekommen, haltbarer machen können“, so die 44-Jährige. Erika weckt häufig ein. Anna hat neuerdings das Fermentieren für sich entdeckt. Erika findet, es fühlt sich gut an, dass nichts weggeschmissen wird, sondern Lebensmittel hier auch eine zweite Chance bekommen. Was den Frauen besonders wichtig ist: Ihre Kinder dürfen essen, was sie möchten, wann sie möchten und so viel sie möchten. „Ohne das Angebot mit der Tafel hätten wir wirklich hungernde Kinder in Deutschland“, sagt Anna.

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